Scheidung
Bernhard Schlink aus: Der Vorleser
Als Julia 5 war, haben wir uns scheiden lassen... Gequält hat mich, dass wir Julia die Geborgenheit verweigerten, die sie sich spürbar wünschte. Wenn Gertrud und ich einander vertraut und zugetan waren, schwamm Julia darin wie ein Fisch im Wasser. Sie war in ihrem Element. Wenn sie Spannungen zwischen uns merkte, lief sie von einem zum anderen und versicherte, wir seien lieb und sie habe uns lieb. Sie wünschte sich ein Brüderchen und hätte sich wohl auch über mehr Geschwister gefreut. Sie begriff lange nicht, was Scheidung bedeutet, und wollte, wenn ich zu Besuch kam, dass ich bleibe, und wenn sie mich besuchte, dass Gertrud mitkommt. Wenn ich ging, und sie aus dem Fenster sah, und ich unter ihrem traurigen Blick ins Auto stieg, brach es mir das Herz. Und ich hatte das Gefühl, dass das, was wir ihr verweigerten, nicht nur ihr Wunsch war, sondern dass sie ein Recht darauf hatte. Wir haben sie um ihr Recht betrogen, indem wir uns haben scheiden lassen, und dass wir es gemeinsam taten, hat die Schuld nicht halbiert.