R & R - Paartraining

Heinz und Nadine

Heinz und Nadine

von Randolph Pleske


Spätestens seit dem amerikanischen Bestsellerautor John Gray wissen Paare, dass Männer anders sind und Frauen auch. Ein grundlegender Unterschied bei Frauen und Männern liegt in der Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit aufeinander oder voneinander weg zu richten. Dies führt entweder zu Glück oder Enttäuschung. In Bezug auf Aufmerksamkeit habe ich über Jahre bei Paaren immer typische Verhaltensweisen beobachtet und natürlich gibt es auch Ausnahmen. Heinz und Nadine sind ein typisches Paar:

Das erste Jahr...
Heinz sieht Nadine und Nadine sieht Heinz, die Umstände sind sekundär. Der berühmte Funke springt über, das Spiel der Hormone beginnt. Heinz erobert Nadine oder erobert Nadine Heinz? Es fällt Heinz unglaublich leicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf Nadine zu richten. Die Gespräche sind intensiv, die Nächte immer zu kurz, nichts ist zu teuer und kein Weg zu weit. Nadine ist glücklich. Ihre Aufmerksamkeit ruht auf Heinz. Sie könnte ewig in seiner Gegenwart verweilen. Und sie lebten glücklich...

Das vierte Jahr...
Doch halt, was ist passiert? Wir befinden uns 4 Jahre in der Zukunft. Heinz ist nicht mehr glücklich mit Nadine und Nadine ist nicht mehr glücklich mit Heinz. Beide haben sich inzwischen eine hübsche Wohnung gemietet. Sie leben zusammen. Nadine richtet ihre Aufmerksamkeit immer noch auf Heinz. Sie möchte mit ihm reden, sie möchte ihre Freizeit mit ihm verbringen, sie möchte seine Aufmerksamkeit bekommen. Sie ist immer noch bereit wenig zu schlafen, um mit ihm zusammen zu sein. Heinz richtet seine Aufmerksamkeit kaum noch auf Nadine. Er ist mit vielen Dingen beschäftigt. Die neue Arbeit, der Sport und hinterher mit den Kumpels in die Kneipe gehen. Und dann ist da noch der neue Computer, der nie richtig funktioniert, es kann aber auch das Auto sein oder Aktien, eigentlich jedes beliebige interessante Ding auf dieser Welt, das seine ganze Aufmerksamkeit fesselt. Nadine versteht nicht, warum alles andere wichtiger sein soll als sie. Nadine nervt ganz schön. Wie soll Heinz denn Zeitung lesen oder fernsehen und gleichzeitig ein intensives Gespräch mit Nadine führen? Nadine hat immer noch ihre Aufmerksamkeit auf Heinz, aber sie sieht nun vieles an Heinz was sie stört. Heinz hat seine Socken nicht aus dem Wohnzimmer geräumt. Heinz hat sein schmutziges Geschirr stehengelassen. Heinz hat die Badewanne nicht saubergemacht. Heinz ist genervt. Er kommt nun nach der Arbeit nicht mehr gleich nach Hause und ist Samstag und Sonntag viel unterwegs. Nadine besucht inzwischen eine Selbsterfahrungsgruppe, wo sie Aufmerksamkeit bekommt und viel redet. Heinz ist auch davon genervt. Was will diese Frau eigentlich? Heinz will seine Ruhe. Und sie lebten unglücklich, bis...

Das siebte Jahr...
Drei Jahre weiter. Heinz hat keine Aufmerksamkeit mehr für Nadine, sondern für Monika, die neue Sekretärin. Sie waren auch schon zusammen essen, nach Feierabend. Monika hat ihre volle Aufmerksamkeit auf Heinz. Er versteht sie. Nadine hat keine Aufmerksamkeit mehr für Heinz, aber für Ole. Ole ist in ihrer Selbsterfahrungsgruppe. Ole hat viel Aufmerksamkeit für Nadine. Er versteht ihre Probleme mit Heinz. Noch!

Wo ist deine Aufmerksamkeit?
Typischerweise gehen Frauen und Männer unterschiedlich, mit Aufmerksamkeit um. Es scheint, als könnten Frauen ihre Aufmerksamkeit stärker und anhaltender auf Menschen und Beziehungen konzentrieren, während Männer ihre Aufmerksamkeit entweder breiter streuen oder sich kurzfristig auf interessante Dinge oder Menschen konzentrieren. Frauen erinnern sich oft nach Wochen oder Monaten an konkrete Gesprächsinhalte mit ihren Partnern, während diese vielleicht gar nicht mehr wissen, dass sie überhaupt mit ihrer Partnerin gesprochen haben, geschweige denn, worüber.

Im folgenden gehe ich wieder von jahrelangen Beobachtungen und meinen eigen Erfahrungen in 18 Jahren Paarbeziehung aus und stelle dann folgende Thesen auf:

Frauen haben in dauerhaften Paarbeziehungen ein existentielles Bedürfnis, von ihrem Mann regelmäßig ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. Am Anfang der Beziehung kann der Mann seine Aufmerksamkeit aufgrund der neuen Attraktion leicht auf seine Partnerin richten. Wird die Beziehung Routine sucht sich der Mann neue Attraktionen, nicht unbedingt andere Frauen aber vielleicht berufliche Herausforderungen oder technische Spielzeuge. Männer haben Schwierigkeiten in länger dauernden Beziehungen ihre Frauen täglich im Bewusstsein zu behalten und ihnen täglich einige Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Die Frau beklagt bewusst oder unbewusst den Verlust an Aufmerksamkeit und Wichtigkeit ihrer Beziehung und ist frustriert. Die Frauen warten oft jahrelang darauf, dass sich die anfängliche Beziehungsintensität wieder einstellt. Sie sind in Bezug auf Nähe und Intimität mit ihrem Mann unterfordert. Kinder können diese Lücke nicht füllen.

Was ich immer wieder sehe in den Männergruppen, die ich leite, ist, dass Männer gewaltige Angst haben, sich bei ihren Frauen auf echte Intimität und Nähe einzulassen. Sie haben Angst, sich auf Gefühle einzulassen und mit ihren Frauen in eine seelische Tiefe zu gehen. Hier wird ihre Hilflosigkeit und Angst deutlich. Männer können in dieser seelischen Tiefe nicht viel tun, sie können nicht handeln, nur sein. Frauen fällt es viel leichter in dieser Tiefe zu verweilen, oder? Eine Variante ist, dass es Männern gelingt, sich einzulassen, aber mit einer Tendenz zur Anpassung und Unterwerfung oder Bedürftigkeit. Die Frau spürt dann den Mann nicht, der sie als Frau herausfordert, obwohl Zärtlichkeit und Gefühle da sind. Meine These ist, dass Frauen von gefühlvollen und starken Männern, die nicht unbedingt kuschen und sich anpassen, in einer intimen Beziehung herausgefordert werden wollen. Ich habe Frauen erlebt, die dann ihrerseits sehr schnell an ihre Grenzen und Ängste kommen. Es gibt auch Frauen, die häufiger die Partner wechseln, weil sie ihre eigenen Grenzen nicht austesten wollen.

Entscheidende 20 Minuten
Eine glückliche Paarbeziehung kann nur dann gelingen, wenn es Frauen und Männern gelingt, tägliche Intimität und Nähe zu erschaffen und ihre Aufmerksamkeit aufeinander zu richten. Nur dann können sie sich herausfordern und sich entspannen. Aus diesen regelmäßigen Momenten tiefer Begegnung und nicht aus gelegentlichen Highlights erwächst tiefe Liebe. Nach Untersuchungen liegt die tägliche Kommunikationszeit bei Paaren in den USA bei 7 Minuten und dazu gehören schon Sätze wie: „Hast du heute Abend die Mülltonne rausgestellt?“ Oder „ Wann ist das Essen fertig?“

Mein Plädoyer für Paare lautet: Nehmt euch täglich 20 Minuten Zeit für ungeteilte Aufmerksamkeit füreinander. Nehmt euch für diese Zeit nichts vor, seid einfach aufmerksam miteinander, lasst entstehen, was entstehen will. Es gibt nichts zu tun in dieser Zeit, außer miteinander zu sein. Keine Arbeit, keine Kinder und auch keine Restzeit am Tagesausklang, wenn die Augen schon zufallen. 20 Minuten Aufmerksamkeit füreinander als Investment für Intimität und Liebe. Der Gewinn für Frauen ist: Sie bekommen ungeteilte Aufmerksamkeit von ihrem Mann und sind für diese Zeit wichtiger als alles andere. Sie können lernen auf seine regelmäßige Anwesenheit zu vertrauen. Sie können sich zeigen, wie sie sind. Der Gewinn für Männer liegt darin, mit ihren Frauen zu entspannen und dabei selbst innerlich zur Ruhe zu kommen. Sie können lernen, vom Handeln zum Sein zu kommen. Es gibt in diesen 20 Minuten nichts zu tun außer körperlich, geistig und seelisch anwesend zu sein. Natürlich kann man/frau dabei Tee oder Kaffee trinken, reden oder kuscheln. Es geht um das Miteinander.

All dies klappt nicht, wenn:

- die gegenseitige Enttäuschung schon zu groß ist

- aufgestauter Groll da ist

- einer oder beide sich schon innerlich aus der Beziehung verabschiedet hat

- intime Liebesbeziehungen zu anderen Frauen oder Männern unterhalten werden

- die Liebesbeziehung als Zweckgemeinschaft definiert ist

an Ausreden gilt nicht:

- Keine Zeit

- keine Lust

- Arbeit

- Kinder (außer Säuglinge, Kleinkinder oder kranke Kinder)

- „habe ich vergessen“

- fallende Aktienkurse, neue Computer, Telefongespräche, Handyanrufe...