Von Regina Bruns-Pleske
Fabian steht im Supermarkt mit Mama in der Kassenschlange. Er schreit, verfärbt sich langsam von dunkelrot zu blau. Vor der Kasse aufgebaut ein großer Korb mit Überraschungseiern, aber Mama sagt: Nein, heute nicht, du hattest gestern schon eins. Ein vertrautes Bild. Wenn Kinder zwei, drei, vier Jahre alt sind geht ein großer Teil ihrer Energie da hinein, alles, jetzt sofort, und für sich allein zu wollen. Ein wichtiger Entwicklungsprozess, um Kraft und Willensstärke aufzubauen, ebenso wie eine stabile Ich-Identität. Wir nennen das kindliche Grandiosität.
Wilhelm hat gerade mit seiner Geliebten telefoniert, morgen wird er sie treffen, nach der Arbeit. Seiner Frau wird er etwas von Überstunden erzählen, wie so häufig in den letzten Wochen. Tut mir leid, aber viele Aufträge im Moment, Nein sagen ist nicht drin, bei der Arbeitsmarktsituation, du weißt schon…, na ja. Seine Frau betritt gerade das Wohnzimmer, stört seine Gedanken, kannst du bitte noch mal mit Lisa Mathe üben, sie schreibt morgen eine Arbeit und sie kann es nicht richtig gut. Nein, das geht wirklich nicht, er muss doch noch zum Fußballtraining, das weiß sie doch, es ist doch Mittwoch, er kann doch seine Kumpels nicht im Stich lassen, das kriegt sie schon hin.
Wilhelm liebt seine Frau, seine Familie, das häusliche Leben, besonders sonntags, da würde ihn niemand wo anders hinbringen. Er würde sie auch niemals verlassen, auch nicht zu Gunsten seiner Geliebten, die er sehr begehrt und mit der er wirklich super Sex hat. Was nicht heißt, dass er mit seiner Frau nicht mehr schläft, aber das ist anders, auch schön, vertraut, nicht so aufregend. Er möchte beides nicht missen.
Und auch nicht seinen Fußball. Mann braucht ja auch Ausgleich zur Büroarbeit. Wilhelm will halt alles, jetzt sofort, für sich allein und auf nichts verzichten.
Es ist kein sehr großer Unterschied zwischen Fabian und Wilhelm. Wilhelm hat es zwar geschafft, erwachsen zu werden, zu heiraten, einen Beruf auszuüben und sogar seine Familie zu ernähren. Nicht erwachsen geworden ist jedoch der Teil in ihm, der alles jetzt sofort haben will, seine kindliche Grandiosität. Und auch wenn er im Moment kurzfristig alles hat, was er will, wird das nicht auf Dauer möglich sein. Seine Frau wird in ein paar Tagen, wenn sie in der Firma anruft, mitkriegen, dass etwas nicht stimmt. Sie wird herausfinden, dass er eine Geliebte hat. Sie wird ihn vor die Wahl stellen, die andere oder ich. Er wird sich nicht entscheiden, weil er ja alles will. Vielleicht wird er sich auch gegen diese Geliebte entscheiden, aber die nächste ist dann nicht weit weg. Vielleicht macht seine Frau die Entscheidungsdebatte zwei- oder dreimal mit, dann wird sie entscheiden. Dass sie so nicht leben will. Dass sie ihren Mann nicht mit anderen Frauen teilen will.
Und plötzlich steht Wilhelm da und hat nicht mehr alles. Die Frau ist weg, die Familie hat sich aufgelöst, die schönen Sonntage gibt es nicht mehr. Nach einer Weile ist die Geliebte auch nicht mehr so aufregend.
Erwachsen werden bedeutet unter anderem auch, zu lernen dass alles nicht geht. Dass es Dinge gibt, die sich ausschließen. Man kann nicht gleichzeitig seinen Sommerurlaub an der Nordsee und am Mittelmeer verbringen. Man kann nicht gleichzeitig erfolgreich im Beruf sein und den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Man kann nicht gleichzeitig eine glückliche Beziehung führen und Liebesaffären haben.
Wir können lernen, diese Entscheidungen zu treffen; ich will das eine oder ich will das andere. Wenn wir es nicht schaffen, das zu lernen, entscheiden andere für uns. Und das ist oft bitter. Verzichten lernen heißt nicht, dass ich dann keinen Spaß, nichts schönes mehr habe. Es heißt, dass ich mich für das entscheide, was ich am liebsten will und das weglasse, was nicht dazu passt. Ohne Entscheidungen mache ich mich zum Spielball anderer. Wenn ich entscheide, bin ich auch derjenige, der es so haben will, wie es ist. Wenn ich zum Beispiel entscheide, ich will mit diesem Menschen, in den ich jetzt verliebt bin, eine feste, harmonische Beziehung haben, bin ich dafür verantwortlich, wie ich das gestalte. Dafür, was ich in die Beziehung einbringe und was ich weglasse. Wenn ich dann auf etwas verzichte, ist es mein Wunsch, das zu tun und nicht das, was der Partner mir abverlangt und wofür ich ihm grolle.
Vielleicht bin ich Fitness begeistert und habe bisher jeden Abend die Woche im Fitnessstudio zugebracht, ganz zu schweigen von den Wochenenden. Wenn ich mich für eine Beziehung entscheide, weiß ich, dass ich auch Zeit für die Beziehung brauche und gehe nur noch dreimal die Woche ins Fitnessstudio. Und ich nehme es meinem Partner nicht übel, weil ich ja die Beziehung will.
Wenn ich mich für einen Beziehungspartner entscheide, entscheide ich mich damit gleichzeitig gegen alle anderen potentiellen Beziehungspartner und das nicht nur für die nächsten zwei Jahre (es sei denn ich will nur einen Lebensabschnittspartner). Selbst wenn ich mich in einen anderen verliebe (was ja immer mal vorkommen kann, niemand ist vor diesen hormonellen Schüben sicher), fange ich mit dem Menschen nichts an, weil meine Entscheidung bedeutungsvoller ist als mein Verliebtsein.
Wenn ich erwachsen geworden bin, kann ich der kindlichen Grandiosität in mit ein Stopp-Signal setzen. Dann bin ich in der Lage, freiwillig zu verzichten zu Gunsten dessen, was ich wirklich will, was mir wertvoll ist. Dann fühlt sich der Verzicht nicht an wie eine Einschränkung und damit etwas das Mängel verursacht, sondern der Verzicht fühlt sich an wie Reichtum, weil ich sehen kann, was ich dadurch gewinne.